Jenseits von Konsum und Wachstum


Lange suchen muss man nicht, um eine bunte Vielfalt von Initiativen, Unternehmen und Vereinen zu finden, die für einen umfassenden sozialen und wirtschaftlichen Wandel eintreten. Ihre Zahl steigt konstant und sie werden immer populärer.

Ein Überblick scheitert schnell an der großen Vielfalt und Anzahl. Die folgenden Initiativen und Veranstaltungen sind daher nur ein beispielhafter Ausschnitt:

  • das “Generationen-Manifest” für eine enkeltaugliche Politik mobilisierte mehr als 90.000 UnterstützerInnen
  • Ökodörfer, ökologische Gemeinschaftsprojekte oder die Transition-Town-Bewegung bekommen immer mehr Zulauf
  • Urban-Gardening Projekte, Sharing-Economy, Genossenschaftprojekte und die Commons-Bewegung breiten sich schnell weiter aus
  • die Initiative “Wir haben es satt” brachte im Januar mehr als 30.000 Menschen für mehr ökologische Landwirtschaft auf die Straße
  • Tauschringe und Schenkgemeinschaften wachsen wieder
  • Die Idee einer Gemeinwohl-Ökonomie breitet sich im wirtschaftlichen Sektor schnell aus und bietet einen umfassend neuen wirtschaftlichen Ansatz jenseits von Gewinnmaximierung und Profit

Gemeinsam ist allen diesen Initiativen, dass sie nicht mehr auf die Politik warten, um wirtschaftliche und soziale Rahmenbedingungen zu schaffen, die sie sich wünschen. Statt dessen versuchen sie einen strukturellen Wandel von unten herbeizuführen, indem sie konkret arbeiten und Alternativen aufbauen.

Schaut man sich diese Bewegung insgesamt an, lassen sich nachfolgende Gemeinsamkeiten formulieren:

  • Abkehr vom Wachstumsparadigma
  • weg von der industriellen Landwirtschaft und ressourcenintensiver/vernichtender Produktion
  • ökologische und soziale Problemstellungen werden verknüpft (kein Gegeneinander-Ausspielen mehr)
  • kleine, dezentrale Lösungen mit kurzen Feedback-Schleifen
  • Re-Regionalisierung der Wirtschaftskreisläufe
  • Dezentralisierung, mehr Suffizienz (das Bemühen um einen möglichst geringen Rohstoff- und Energieverbrauch) und Resilienz (in der Ökosystemtheorie die Fähigkeit eines Ökosystems, angesichts von ökologischen Störungen seine grundlegende Organisationsweise zu erhalten)
  • solidarische Strukturen zwischen den Geschlechtern, innerhalb von Gesellschaften und im Verhältnis zwischen globalem Norden und Süden
  • die Forderung nach mehr demokratischer Teilhabe und Mitgestaltung

In den politischen Parteien gibt es leider noch keinen auch nur annähernd ausreichenden Ansatz, der diesem Ansatz eine Stimme geben könnte. Die Regierung sendet weiter die falschen Signale aus. Wachstum um jeden Preis? Viele B¨rgerInnen wollen eine andere Politik. Der Stimmenzuwachs nationalischer und populistischer Parteien bei der letzten Europawahl zeigt gleichzeitig, das ein politisches Vacuum entstanden ist, das von den vorhandenen Strukturen und Angeboten nicht mehr zu füllen ist. Die Menschen empfinden stattdessen einen starken Mangel an Gestaltung auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene gegenüber einer immer umfassenderen Globalisierung, einer wachsenden Kompelexität und Verpflechtung der Industrie. Demgegenüber steht eine scheinbar immer machtlosere Politik.

Daher wäre es gerade jetzt wichtig, dem ständigen Gerede von “Alternativlosigkeit” Alternativen entgegenzustellen, die all denen, die dieses “weiter wie bisher” nicht mehr wollen, eine wirkliche Wahl zu lassen. Dabei wird es immer wichtiger, zu zeigen, wie viele Menschen es inzwischen schon sind, die sich nicht mehr mit der Unterordnung sozialer und ökologischer Interessen unter den ruinösen globalen Wettbewerb abfinden. Sie suchen inzwischen eine Lösung der multiplen globalen Krisen außerhalb des bestehenden Wirtschafts- und Geldsystems.

Längst macht sich auch bei den Politikverdrossenen und im Mainstream unserer Gesellschaft die Erkenntnis breit, dass ein konsumbasierter, beschleunigter Lebensstil uns alle in die Sackgasse führt. Auch in bürgerlichen und eher unpolitischen Kreisen stößt der Wunsch nach einer sozial-ökologischen Ausrichtung der Wirtschaft eher auf offene Ohren und wird positiv aufgenommen. Resignation und Zweifel entstehen dadurch, dass eine Transformation des Systems als erstrebenswert aber unrealistisch angesehen wird. Viele Menschen sehen sich inzwischen nicht mehr als bewusste (Mit-)Gestalter ihrer Lebenswelt sondern als Gefangene in Systemzwängen.

Die zunehmende Popularität vegetarischer und veganer Ernährung, ein wachsendes ökologisches und soziales Bewusstsein – wenn auch oft noch inkonsequent – oder die Solidarisierung mit Näherinnen in Bangladesh zeigen, dass immer mehr Menschen im Einklang mit ihren ethischen und moralischen Werten leben wollen. Sie leiden dagegen unter dem entgegenstehenden alten Strukturen. Dies kommt u.a. auch in der in Kirchenkreisen formulierten Kapitalismuskritik zum Ausdruck.

Die von der aktuellen Politik ausgesandten Signale stehen diesen aktuellen Tendenzen allerdings diametral entgegen. Industrielle Großprojekte und die dazu notwendige Infrastruktur werden weiterhin großzügig subventioniert, Sozialabbau fortgesetzt, der globale Süden wird weiter ausgebeutet, Klimawandel und Artensterben werden weiter ignoriert, Ressourcenkrisen und -kriege – alles Beispiele für die Unterordnung jeglicher gesellschaftlicher Interessen unter das Primat von Wettbewerb und Wachstum und zweitrangig im Hinblick auf die Gefahr, dass die Wirtschaft nicht mehr wächst oder das eigene Land im globalisierten Wettbewerb verliert.

Dagegen stehen inzwischen enorm viele Menschen, die eine fundamental andere politik und Wirtschaft wollen. Dieser neu formierte politische Wille muss sichtbar gemacht werden, damit echte wirtschaftliche und politische Alternativen entstehen.