Internet ohne Barrieren


Die Macht des Webs liegt in seiner Universalität. Zugang für Alle unabhängig von einer Benachteiligung ist ein essentieller Bestandteil.
— Tim Berners-Lee, W3C Direktor und Erfinder des World Wide Web

Inhalt

Einführung
Die 3 Säulen
Die 3 Formen der Zugänglichkeit
3 in 1
Das Wichtigste zuerst
Wichtig und modern
Zum guten Schluss

Einführung

Die Web Accessibility Initiative (WAI) entwickelt Strategien, Richtlinien und Betriebsmittel, um zu helfen, das Internet für alle Menschen zugänglich zu gestalten.

„Barrierefreie“ Internetseiten sind eine Kunst.

Webseiten sind so konzipiert und programmiert, dass jeder sie lesen kann. Es geht dabei nicht um “behindertengerechtes Programmieren”, sondern um Konzepte und die Technik, die es erlaubt, dass Webseiten wirklich für alle Menschen verfügbar sind.

Wie stellen Sie sich den Kunden vor, der sich Ihre Seite ansieht? Welche Computerausstattung hat er wohl?

Ist ihre Webseite auch nutzbar, wenn der Kunde

  • keine Tastatur zur Verfügung hat (z.B. Computer im Auto)
  • keine Maus hat oder sie nicht benutzen kann (z.B. öffentliche Terminals)
  • nichts oder wenig hört (Straßenlärm)
  • er nur wenig Platz am Bildschirm hat und die Ansicht von Grafiken abgeschaltet wurde (PDA oder Organizer)
  • die Darstellung der Schrift vergrößert hat, weil er gerade die Brille verlegt hat?

Wenn Ihre Webseite so programmiert wurde, dass sie für alle diese Situationen gerüstet ist, dann haben Sie sie ganz nebenbei auch für behinderte Menschen zugänglich gemacht.

Sie denken, diese Gruppe ist eine Minderheit? Das ist Ansichtssache. In Europa leben mindestens 37 Millionen Menschen, die irgendeine Art von Behinderung haben.

Dann gibt es digitale Systeme (z. B. Suchmaschinen), die Informationen automatisch erfassen, ohne sie optisch wahrzunehmen, also menschlich betrachtet, blind sind.

Um Anhaltspunkte für die optimale Vorgehensweise bei der Erstellung einer Webseite zu entwickeln, sind wir davon überzeugt, dass die Idee des Accessibility („Zugänglichkeit“) eng mit Usability („Brauchbarkeit“) und Standardkonformität (Validität“) in einen sinnvollen, sich gegenseitig ergänzenden Zusammenhang gestellt werden muss.
Damit die Notwendigkeit dieses Gesamtkonzepts deutlich wird, stellen wir zunächst die Einzelbegriffe („die 3 Säulen“) kurz vor.

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Die 3 Säulen

Accessibility, zu deutsch Zugänglichkeit, am bekanntesten unter dem Begriff „Barrierefreiheit“, meint im ursprünglichen Sinn die Teilhabe von Bürgerinnen und Bürgern mit Handicaps am öffentlichen Leben.
Bezüglich des Internets, aber auch anderer elektronischer Medien, ergibt sich damit die Aufgabe, das Informationsangebot für möglichst alle Benutzergruppen, also z.B. auch lernbehinderte, blinde, sehbehinderte, motorisch eingeschränkte Menschen, Seniorinnen und Senioren, zugänglich zu machen.

Usability, was etwa Gebrauchstauglichkeit bedeutet, beschäftigt sich mit der leichten Zugänglichkeit von Informationen, unter anderem auch web-basierten Anwendungen.
Eine Webseite soll übersichtlich und klar strukturiert sein, damit die Navigation, die Inhalte und andere wesentliche Bestandteile leicht zu finden und unterscheidbar sind. Man sollte jederzeit wissen, an welcher Stelle man sich als Nutzer und Nutzerin auf der Webseite befindet.
Dies erscheint auf den ersten Blick leicht realisierbar, bei größeren Webseiten oder Portalen kann Usability aber eine echte Herausforderung werden.
In einem erweiterten Verständnis von Usability ordnen wir auch das technische Funktionieren eines Webangebots ein. Schließlich ist eine Seite, die technisch nicht oder nur eingeschränkt funktioniert, nicht wirklich gebrauchstauglich.

Validität oder Standardkonformität meint, dass sowohl das verwendete HTML oder XHTML, als auch das zur Gestaltung verwendete CSS den aktuellen Standards des W3C entsprechen. Die Einhaltung dieser Standards soll die korrekte, plattformübergreifende und zukunftssichere Darstellung garantieren.
Da die neuen XHTML-Standards die Gestaltung einer Webseite weitestgehend dem CSS überlassen, verbirgt sich darüber hinaus hinter dem Konzept der Standardkonformität die strikte Trennung von Inhalt und Design.
Dies bedeutet auch, daß selbst das pure HTML, ohne Gestaltung durch CSS, noch ein sinnvolles Dokument ergeben sollte.
überschriften sind dann eben überschriften erster, zweiter, dritter usw. Ordnung, die als solche das Dokument strukturieren. Sie sind nicht einfach nur größere Schrift.

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Die 3 Formen der Zugänglichkeit

Zusammenfassend sehen wir Usability, Validität und Accessibility als die drei Grundformen der Zugänglichkeit an:
Usability beinhaltet die Zugänglichkeit der Programmoberfläche, des Erscheinungsbildes sowie die schlichte technische Funktionsfähigkeit. Somit stellt Usability den Zugang zum Gebrauch der Webseite her.
Validität beschreibt die Zugänglichkeit durch technisch einwandfreie Lösungen, die Einhaltung der Standards, die prinzipielle übertragbarkeit auf unterschiedliche Ausgabegeräte, etc.
Validität, vor allem im erweiterten Sinne der strikten Trennung von Inhalt und Gestaltung, sorgt also bei minimalstem Aufwand (reines HTML ohne jegliches Design) für maximale Zugänglichkeit des Inhalts.
Accessibility erweitert die Zugänglichkeit auf alle denkbaren Benutzergruppen. Accessibility bedeutet bessere Zugänglichkeit für alle Nutzerinnen und Nutzer, unabhängig von körperlichen oder anderen Einschränkungen.

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3 in 1

Um ein optimales Zusammenwirken der drei vorgestellten Konzepte Usability, Validität und Accessibility beim Erstellen von Webseiten zu erreichen, halten wir es für sinnvoll, diese in in einer klaren Reihung miteinander zu verknüpfen. Bei der Erstellung von Internetseiten bedeutet das, dass die drei Konzepte eben genau in der Reihenfolge Usability, Validität und Accessibility eingesetzt werden müssen.
Mit einem übergeordneten Konzept stellen wir sicher, dass alle Aspekte und Richtlinien sinnvoll berücksichtigt und umgesetzt werden.
Es kann vorkommen, daß eine Seite z.B. für Blinde recht gut zugänglich ist, für andere, sehende Nutzer/Innen jedoch erhebliche Mängel aufweist.
Auch nutzt es wenig, wenn eine Seite zwar anstandslos durch den Validator läuft, ansonsten aber kaum benutzbar ist. Umso ärgerlicher für den seriösen Entwickler, wenn solche Seiten auch noch mit allen möglichen Zertifikaten gespickt sind, die Barrierefreiheit u.ä. suggerieren.
Der Sinn von Accessibility besteht nicht darin, Seiten zu bauen, deren Qualität sich vorrangig an der Zugänglichkeit für Randgruppen orientiert. Dies dient letztlich auch nicht den Interessen der Betroffenen.

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Das Wichtigste zuerst

Als oberstes und wichtigstes Gebot steht die Usability an erster Stelle. Ohne Usability, also die Gebrauchstauglichkeit einer Seite für möglichst alle Benutzer/Innen, nutzt die Erfüllung technischer Zugänglichkeitskriterien wenig.
Interessant und wesentlich ist in diesem Zusammenhang, daß sich die Richtlinien zur Accessibility (WCAG=Web Content Accessibility Guidelines = Vorlage für die BITV) vielfach mit den Erfordernissen der Usability überschneiden. So nutzt z.B. die Forderung nach skalierbaren Schriftgrößen und ausreichendem Kontrast zwischen Schrift und Hintergrund nicht nur Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen.
Besonders unangenehm sind Seiten, wo mangelhafter Kontrast mit winzigen Schriftgrößen zusammentrifft und man quasi in den Monitor hineinkriechen muß, um etwas zu erkennen. Auch ist zu bedenken, daß ältere Menschen generell schlechter sehen und auch bei jüngeren, je nach Uhrzeit und Tagesform, die Wahrnehmung Schwankungen unterliegt.
Vielleicht möchte man sich auch einfach mal zurücklehnen und die Schrift auch aus größerer Entfernung noch entziffern können.
Aus all diesen Gründen sind demzufolge skalierbare Schriftgrößen sowie ausreichender Kontrast zwischen Schrift und Hintergrund als Bestandteil der Usability zu definieren und nicht nur als Randgruppenproblem von Sehbehinderten.
Es macht also Sinn, WCAG-Kriterien wie Skalierbarkeit etc., die eindeutig nicht nur für Menschen mit Behinderungen wichtig sind, als integralen Bestandteil der Usability zu betrachten und ihnen somit auch eine hohe Priorität einzuräumen.

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Wichtig und modern

Die Validität folgt der Usability also an zweiter Stelle. Den Begriff Validität verwenden wir in einem erweiterten Sinne, stellvertretend auch für die Trennung von Inhalt und Gestaltung.
Formal kann ja auch eine total verschachtelte Frame- und Tabellenstruktur valide sein. Dieser rein formale Begriff von Validität ist hier jedoch nicht zielführend.
Um das Konzept hinter der Trennung von Inhalt und Gestaltung näher zu erläutern, möchte ich ein Beispiel anführen:
Bei nicht standardkonformen Internetseiten werden der Inhalt und die Gestaltung gemeinsam in einer Art von Setzkasten fest verbaut. Bei einer Webseite entspricht diese Struktur dem üblichen Tabellenaufbau. Falls eine logische Beziehung zwischen verschiedenen Tabellenzellen, beispielsweise überschriften und zugehörigen Spalten, hergestellt werden soll, muß dies extra codiert werden.
Im Gegensatz hierzu sind bei standardkonformen Webseiten Inhalt und Gestaltung konsequent getrennt: Das Ergebnis ist ein HTML-Dokument, das auch ohne visuelle Strukturierung als zusammengehörig erkennbar ist.

Die Vorteile dieser Vorgehensweise sind:

  • bessere Zugänglichkeit des Inhalts für User Agents (Nutzerprogramme), die darauf angewiesen sind, die Inhalte auszulesen, weil sie Tabellen oder gar Frames nicht interpretieren können.
  • eine leichtere übertragbarkeit in andere Formate (z.B. Handhelds)
  • eine deutliche Reduzierung des Quellcodes (erhöht die Ladegeschwindigkeit)
  • die Inhalte des Dokuments bleiben auch ohne gestaltende Elemente vollständig nutzbar
  • das Design ist beliebig austauschbar
  • ein komplettes Redesign ist ohne änderung des Quellcodes möglich

Da eine in diesem Sinne valide Webseite von Haus aus „barrierearm“ ist und gewissermaßen die technische Grundlage für Zugänglichkeit bildet, ist Validität damit der Accessibility vorgeschaltet. Da Accessibility zu großen Teilen auf Validität aufsetzt, macht eine andere Reihenfolge wenig Sinn.
Validität sorgt somit auch dafür, dass mögliche Hindernisse in der Zugänglichkeit ohne grundlegenden Neuaufbau der Seite beseitigt werden können.

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Zum guten Schluss

Accessibilty ist damit quasi das Sahnehäubchen einer hochwertigen Webseite. Erstaunlich viele Forderungen der WCAG sind durch die definierten Konzepte Usability und Validität bereits erfüllt, oder doch zumindest auch im Sinne von Usability und Validität interpretierbar:

  • skalierbare Schrift(en) (Usability)
  • alt-Text für Bilder (erleichtern das schnelle Surfen < Usability)
  • Text statt Grafik (ermöglicht Skalierbarkeit < Usability)
  • standardkonforme Dokumente (Validität)
  • CSS zur Definition von Layout und Präsentation (Validität)
  • -Elemente zur Dokumentstrukturierung (Validität)
  • Abkürzungen auszeichnen und erläutern (Verständnis < Usability)
  • Dokumente können ohne CSS / Skripts gelesen werden (Usability)
  • geräteunabhängige Ereignisbehandlung (ohne Maus bedienbar < Usability)
  • logische Tabulatorenreihenfolge (ohne Maus bedienbar < Usability)
  • Pop-Up-Fenster werden nur sparsam verwendet(< Usability)
  • korrekte Beschriftung von Formularfeldern (Verständnis < Usability)
  • nur W3C-Technologien verwenden (Validität)
  • Informationen zur Orientierung bieten (Verständnis < Usability)
  • große Informationsblöcke unterteilen und strukturieren(Verständnis < Usability)
  • durchgängige Navigation anbieten (Orientierung < Usability)
  • Sitemaps etc. einsetzen (Orientierung < Usability)
  • einfache Sprache benutzen (Verständnis < Usability)
  • seitenübergreifender Präsentationsstil (Orientierung < Usability)

Welches dieser Gebote im konkreten Fall als für die Usability der Seite sinnvoll erachtet wird, hängt von der Einschätzung im Einzelfall ab.
Skalierbare Schrift, ausreichender Kontrast, durchgängige Navigation und ein eben solcher Präsentationsstil sollten aber in jedem Fall dazugehören.
Spezielle WCAG-Features, wie Sprachwechselauszeichnungen, Sprungmarken etc., können jederzeit nachträglich eingefügt werden, sollten aber besser von Anfang an Bestandteil bei der Entwicklung des Webauftritts sein.
Diese Grundlagen sollen weder die Accessibility-Richtlinien aufweichen, noch die kurz vorgestellten Konzepte Usability und Validität grundsätzlich oder überhaupt neu definieren.

Sie bieten eine Orientierung in der Vielfalt aller möglichen Konzepte, Verordnungen und Interessenslagen. Der Begriff „Barrierefreiheit“ ist unüberschaubar und nicht genau definiert, auch die Ausschreibungen von Preisen sind immer nur beschränkt auf einzelne Bereiche, dadurch ist sie in den zweifelhaften Ruf gekommen, nicht wirklich effektiv und wirtschaftlich zu sein. Preisverleihungen nach dem Motto: “Gib mir eine Spende und ich gebe Dir ein Zertifikat” sind eben nicht hilfreich beim Abbau der vielen vorhandenen Barrieren im Internet.

Mit diesen Grundlagen gibt Best Off eine Leitlinie vor, um die grundsätzliche Qualität einer Webseite klar herauszuarbeiten. Kriterium hierfür kann daher immer nur die Gebrauchstauglichkeit und die Zugänglichkeit eines Webauftritts für möglichst alle Benutzer und Benutzerinnen sein.

Bei öffentlichen Kommunen und Trägern, die die BITV nur als technischen Rahmen sehen und nicht auf Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit hinarbeiten, kann keine bürgernahe Kommunikation stattfinden, da sie den eigentlichen Sinn und Zweck der Leitlinien nicht verstehen. Angesichts von leeren Kassen und großen Haushaltslöchern ist es umso wichtiger den gewinnorientierten Nutzen zu sehen.
Auch die Eroberung des kommerziellen Raums für zugängliche Webseiten läßt sich eben nicht allein mit dem Verweis auf werbewirksame „Behindertenfreundlichkeit“ bewerkstelligen.
Ein Projekt mit maximaler Akzeptanz muß immer von der Mehrheit zur Minderheit, von der Wichtigkeit für viele zur Wichtigkeit für wenige hin entwickelt werden und nicht umgekehrt.

Dieser Ansatz stellt keinen Widerspruch dar zwischen sozialem und gewinnorientierten Handeln. Im Gegenteil: Er macht deutlich, dass von der weitgehenden Umsetzung, wenn auch eventuell mit anderer Gewichtung, der Accessibility-Richtlinien die überwiegende Mehrzahl der Internetnutzer/Innen profitiert.
Nutzer/Innen mit Handicaps sind insofern nur die ersten, die auf schlecht gemachten Seiten auf Barrieren treffen. Viele andere haben Barrieren nur deshalb nicht wahrgenommen, weil sie gar nicht wissen, dass Webseiten auch viel nutzerfreundlicher sein können.
Das Thema Zugänglichkeit/Accessibility ist eben kein Nischendenken für Menschen mit Behinderungen. Es gehört in den Mainstream der Alltagstauglichkeit. Die Entwicklung hin zu zugänglicheren Seiten ist eine technische Form des Erwachsenwerdens. Das Internet sollte als Medium von allen genutzt werden können und die Richtlinien des WAI konsequent anwenden.

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